Es ist ein Markenzeichen. Mit blanker Stirn bis ins Genick stand Thorsten Müller seit sechs Jahren bei der TSG Pfeddersheim im Tor, löste (fast) jeden Fall wie der einst durch die amerikanische Krimilandschaft tingelnde Kommissar Kojak, hielt den Kasten sauber, wie es ähnlich wohl nur ein barhäuptiger Riese aus der Waschmittelwerbung vermocht hätte. Was lag da näher, als zum Abschied dieses Hünen mal mit kahlem Schädel die Oberliga-Bühne zu betreten? Die Fußballer der TSG Pfeddersheim taten genau dieses am Samstag. Beim letzten Saisonspiel, das zugleich das Karriereende des 40-jährigen Keepers sein sollte, erschienen sie mit blankem Haupt. Die Ansage: „Danke Thorsten, heute sind wir alle Müller.“

„Die Idee hatten wir im Mannschaftsrat, wir wollten in seinem letzten Spiel was ganz Besonderes machen“, erzählte Tobias Klotz nach dem Spiel. Der TSG-Kapitän strahlte, wusste er doch, dass es dank der „Glatzenperücken“ gelungen war, dem scheidenden Routinier einen ganz besonderen Moment zu geben. „Eine Riesenaktion“, gestand Müller, der bekannte, keine Spur von Ahnung gehabt zu haben, als ihn die eigene Truppe vor dem Spiel aus der Kabine komplimentiert hatte. Die Überraschung glückte, nur eines mochte der Keeper selbst einschränken: „An das Original kommt keiner heran.“

Die Aktion kam an – auch bei den Schiedsrichtern. „Die haben gefragt, ob wir noch ein paar von den Dingern haben“, schmunzelte Klotz. Hatten sie nicht. Und an dem Punkt, als die TSGler das Spiel gerne im Glatzenlook begonnen hätten, mochte Fabian Schneider (Grafschaft) und sein Team auch nicht mehr mitspielen. Die in der Spielordnung verankerte Kleiderordnung machte dem Ansinnen wohl einen Strich durch die Rechnung. Und wer nach Spielschluss etwa bei Tobias Klotz den Schweiß von der Stirn rinnen sah, der ahnte: Es war vermutlich auch besser so.

Keine Frage, gerne hätten die TSGler ihrem Keeper zum Abschied auch einen Sieg geschenkt. Und nach der frühen Führung durch Andreas Buch (8.) schien die Sache ja den gewünschten Lauf zu nehmen. Die TSGler verloren aber den Faden, und Athanasios Noutsos gab als Doppeltorschütze der Gäste (32., 82.) den Spielverderber. Deren Trainer Günter Ehrhardt war das nachher fast peinlich: „Eigentlich wollten wir Thorsten Müller in seinem letzten Spiel keine zwei Dinger reinhauen.“

Müller selbst räumte natürlich ein: „Ich hätte schon gerne noch mal gewonnen.“ Seine Paraden gegen Arthur Schneider (13.), Caner Metin (26.) und ein weiteres mal Noutsos (53.) sollten die 1:2 (1:1)-Niederlage aber nicht verhindern können – auch weil ausgerechnet Tobias Klotz seine drei guten Chancen vor der Pause versemmelte. Es tat ihm weh. „Seit ich bei den Aktiven spiele, spiele ich mit Thorsten zusammen“, so der Kapitän, der gar nicht so richtig zu beschreiben vermochte, was künftig fehlen wird. „Als erstes ein Riesentorwart“, so Klotz. Aber eben auch ein Führungsspieler, eine uneingeschränkte Respektsperson. „Ein Riesentyp eben, wir hatten immer viel Spaß.“

Der Angesprochene selbst ließ es sich am Ende nicht nehmen, für einen persönlichen Abschied ans Mikro zu treten. Seinen Dank richtete er an Familie, Mannschaft, Verein. Und als er sich an denjenigen wenden mochte, dem er die „geile Zeit“ ganz besonders anheftet, da versagte selbst dem so unerschütterlichen Torwarthünen die Stimme. Erst der verdiente Applaus des zuvor gebannt lauschenden Anhangs brach die Stille – und Müller herzte seinen Coach: „Es war Norbert Hess, der 2003 bei Wormatia gesagt hat, schaut mal in Grünstadt, das ist gar kein Blinder.“

Hess selbst vermochte all das nicht mehr zu toppen. Die Saison („super Runde“), die TSG steht zum Ende auf Rang sechs, lasse er sich trotz der Niederlage nicht kaputt reden. Wehmütig ging aber auch sein Blick auf den scheidenden Keeper: „Wir haben über zehn Jahre ganz super miteinander gearbeitet.“ Er könne nicht anders, als die Saison deshalb „mit einem weinenden Auge“ zu beenden. Er tat es nicht allein.

Oberliga: Bei TSG Pfeddersheim ist plötzlich alles Müller (Wormser Zeitung, 23.05.2016)